Nachteilsausgleich

Das ist rechts Nachteilsausgleich, wie er sein sollte. Der Nachteilsausgleich muss den Nachteil wirklich ausgleichen und nicht nur als solcher bezeichnet werden. Links ist es so, wie die niedersächsische Landesschulbehörde Nachteilsausgleich versteht.
Das Bild fand ich heute auf Facebook ohne eine Quelle. Ich hoffe der Künstler hat nichts dagegen, dass ich es hier zur Erläuterung einsetze.

Der unendliche Tango der deutschen Rechtschreibung

Auf dem Legastheniekongress in Göttingen im Oktober wurde dieser Text gezeigt. Der Text hat mir sehr gefallen.

Urheber ist Reinhard Mey. Wenn Legastheniker erst einmal die Schule ohne bleibenden Schaden überstanden haben, dann kann aus Ihnen etwas werden.

Hab‘ ein altes Heft gefunden
Mit krak‘liger Kinderschrift.
Abgewetzt, vergilbt, geschunden –
Und ein böser, roter Stift
Metzelt in den Höhenflügen
Meiner armen Niederschrift
Mit sadistischem Vergnügen
Und verspritzt sein Schlangengift.
Und ich spüre, jeder rote
Strich am Rand trifft wie ein Pfeil.
Die Zensur ist keine Note,
Die Zensur ist wie ein Beil.
Ich spür‘s, als ob‘s heute wäre
Und ich blick‘ zurück im Zorn,
Sträfling auf einer Galeere
Und der Einpeitscher steht vorn:
„Nach L N R, das merke ja,
Stehn nie T Z und nie C K!
Bildest die Mehrzahl du vom Wort,
Dann hörst die Endung du sofort!
Nimm die Regel mit ins Bett:
Nach Doppellaut kommt nie T Z!
Und merke: Trenne nie S T,
Denn es tut den beiden weh!“
Ich war kein schlechter Erzähler,
Aber es war wie verhext:
Wo ich schrieb, da waren Fehler
Und wo nicht, hab‘ ich gekleckst.
Nachhilfe und guter Wille
Blieben fruchtlos, ist doch klar,
Weil ich meist wegen Sybille
Gar nicht bei der Sache war.
Wenn ich Schularbeiten machte,
Dacht‘ ich immer nur an sie –
Immer, wenn ich an sie dachte,
Litt meine Orthographie…
Und so hab‘ ich mit ihr eben
Lieber probiert, als studiert.
Mich interessiert das Leben
Und nicht, wie man‘s buchstabiert!
„Nach L N R, das merke ja,
Stehn nie T Z und nie C K!
Bildest die Mehrzahl du vom Wort,
Dann hörst die Endung du sofort!
Nimm die Regel mit ins Bett:
Nach Doppellaut kommt nie T Z!
Und merke: Trenne nie S T,
Denn es tut den beiden weh!“
Kreide kreischt über die Tafel,
Mir sträubt sich das Nackenhaar.
„Setzen, Schluß mit dem Geschwafel!“
Es ist wieder wie es war.
Und da sitze ich und leide
Geduckt an dem kleinen Tisch,
Rieche Bohnerwachs und Kreide,
Welch ein teuflisches Gemisch!
Und dann kommt meine Abreibung!
Und ich werde Anarchist,
Der begreift, daß die Rechtschreibung
Die Wissenschaft der Esel ist.
Ein Freigeist, ein großer Denker,
Ein Erfinder, ein Poet,
Ein zukünft‘ger Weltenlenker
Beugt sich nicht dem Alphabet!
„Nach L N R, das merke ja,
Stehn nie T Z und nie C K!
Bildest die Mehrzahl du vom Wort,
Dann hörst die Endung du sofort!
Nimm die Regel mit ins Bett:
Nach Doppellaut kommt nie T Z!
Und merke: Trenne nie S T,
Denn es tut den beiden weh!“
Ich schreib‘ heute noch wie Django!
Schreib‘ ohne Bevormundung.
Trotze dem endlosen Tango
Der deutschen Rechtschreibung.
Ich hab‘ nur Glück, daß ich heut singe,
Und somit ungelesen bleib‘:
Ihr wißt von mir 1.000 Dinge –
Aber nicht, wie ich sie schreib‘!
„Nach L N R, das merke ja,
Stehn nie T Z und nie C K!
Bildest die Mehrzahl du vom Wort,
Dann hörst die Endung du sofort!
Nimm die Regel mit ins Bett:
Nach Doppellaut kommt nie T Z!
Und merke: Trenne nie S T,
Denn es tut den beiden weh!“

Ein Radiobericht zur Linkshändigkeit

In dem dreiviertelstündigen Bericht sind die Parallelen im Umgang der Gesellschaft mit Linkshändern und Legasthenikern deutlich zu spüren. Nur hier werden sie viel deutlicher thematisiert, da auch die Benachteiligung deutlicher zu sehen ist. Ebenfalls liegt eine genetische Ursache zugrunde und die haben Kompetenzen, die oft über das Normalmaß hinausgehen. Doch die Kinder werden vom Unverständnis der Gesellschaft in ein Schema gezwungen.

Das Tondokument zum Bericht wird nur eine gewisse Zeit online zur Verfügung stehen. Deshalb ist es ratsam, diese MP3-Datei auf den eigenen Rechner zu laden.

Tondokument:

Manuskript zum Nachlesen:

Linkshänder sein – Vom Leben andersherum (PDF)

Linkshänder sein – Vom Leben andersherum (Textversion)

 

 

 

Warum geht in der Schule nicht, was an der Uni geht????

In diesem Beitrag der NWZ wird deutlich, dass in Niedersachsen das Bildungsministerium einen Blick auf die Legasthenie hat, der internationalen Usancen entspricht. Das Kultusministerium hingegen für die Schüler vertritt einen Standpunkt, der weit aus der Zeit ist und den Wissensstand aus den siebziger Jahren widerspiegelt. Dort herrschte die Ansicht, dass die Legasthenie ein soziales und kein genetisches Problem ist und sich demzufolge bis Ende Klasse zehn therapieren lässt. Demzufolge müssen die Schüler ab Klasse elf richtig schreiben können oder sie gehören nicht an die Schule.

Wenn die Kinder mit intensiver Elternhilfe die Schule überleben, dann haben sie an der Uni wieder die Chance, ihre sonstigen oft überdurchschnittlichen Fähigkeiten zu zeigen.

https://www.nwzonline.de/campus/legasthenikern-ein-studium-ermoeglichen_a_31,2,979012441.html

Interview mit einem sehr bekannten Legastheniker

Ein junger Mann hat ein Interview mit Prof. Dr. Grimm, einem bekannten Humangenetiker gemacht, der selber Legastheniker ist und Kinder mit Legasthenie hat. Das Interview geht um die Zeit als Schüler, wo Legasthenie als solche in der Lehrerschaft noch vollkommen unbekannt war, um die erlernten Strategien damit umzugehen, seine Erfahrungen mit der Schulzeit der Kinder, aber auch wie Menschen mit der Legasthenie umgehen sollen, das heißt die Behinderung zu akzeptieren und die eigenen Potentiale zu nutzen. Legastheniker sind aufgrund ihrer Lösungsstrtegien sehr flexibel und häufig später – wenn sie die Schule überlebt haben – oft erfolgreich.

Bild

Die NWZ befragt die Ministerin zur Schulpolitik

In der NWZ habe ich gestern Abend den Aufruf gesehen, Fragen für die Frau Ministerin an die Redaktion zu stellen.

Das habe ich gleich getan.

Meine Fragen an Frau Ministerin Heiligenstadt:

Für Schüler mit Legasthenie gab es in 2005 einen Erlass zur Benotung der Rechtschreibfehler etc., der in 2013 abgelaufen ist und mangels eines neuen Erlasses weiter angewendet wird. Dieser Erlass regelt aber nur das Schülerleben bis einschließlich Klasse 10. Danach wird der Legastheniker in den Klassen 11 und 12 und in der Abiturprüfung vom vollen Punktabzug bei Rechtschreibfehlern getroffen. An den Universitäten ist die Handlungsweise eine andere, aber das ist auch ein anderes Ministerium.

Legastheniker haben in der Mehrheit trotz der genetisch bedingten Nachteile in der Rechtschreibung in anderen Fächern überdurchschnittliche Leistungen. Dieses Potential müssen wir fördern.

  1. Warum ist seit Jahren ein Stillstand festzustellen, obwohl es Gespräche mit mehreren Fraktionen von Seiten der Betroffenen gegeben hat? Die Not der Schüler ist groß und die jetzige Verfahrensweise verbaut manche Studienchance.
  2. Wann ist in Niedersachsen mit einer behindertengerechten gesetzlichen Regelung für Legastheniker bis zum Abitur oder anderen Abschlüssen zu rechnen? Ein Erlass ist keine Rechtsgrundlage für Schüler und Eltern, aus der sie Rechte und Pflichten herleiten können, sondern nur eine interne Handlungsanweisung der Schulbehörde, deshalb die Frage nach einem Gesetz.

Es sollte ja einfach bleiben, damit die Ministerin antworten kann und die Leserschaft nicht nur Bahnhof versteht. Deshalb habe ich u. a. die Frage, warum die niedersächsischen Schulen die Entscheidungen des OVG Lüneburg zur Benotung von Rechtschreibfehlern bei Legasthenikern nicht kennen und demzufolge nicht beachten können, ebenso weggelassen wie die Frage nach einem Notenschutz.

Mal sehen ob am Mittwoch etwas passiert. Wer interessiert ist, kann am Mittwoch, den 13. September 2017 um 14.30 auf Facebook live dabei sein, ohne selbst bei Facebook angemeldet zu ein. www.facebook.com/nwzonline

Legastheniker – ohne den Einsatz der Eltern verloren??

Ein Fernsehbericht über eine legasthene Schülerin. Verfügbar nur bis zum 18. Mai 2018, also bei Interesse auf die eigene Festplatte bannen.

http://www.ardmediathek.de/tv/tag7/Dumm-und-faul-Mein-Kind-hat-Legasthenie/WDR-Fernsehen/Video?bcastId=7543394&documentId=42941030

Ein Fernsehbericht zu einer legasthenen Schülerin. Der Bericht versucht die Schwierigkeiten für die Familie darzustellen. Er zeigt auch wieder, dass nur der unermüdliche und unerschrockene Einsatz der Eltern den Kindern überhaupt eine Chance gibt. Das Verhalten der Lehrerinnen in der weiterführenden Schule ist auch ein gutes Beispiel.

Die Zahl der Fehler nimmt bei Klassenarbeiten in naturwissenschaftlichen Fächern zu, da dort die Hirnkapazitäten für das Fachwissen gebraucht werden. Dies zeigt deutlich, wie die Legastheniker nicht nur durch die Rechtsschreibfehler benachteiligt sind, sondern auch durch die Blockade von Hirnkapazitäten für die Fehlervermeidung, die andere Schüler voll für die Wissenspräsentation in Klassenarbeiten nutzen können. Der Legastheniker kann nur durch die häufige überdurchschnittliche Begabung die Fehler vermeiden und gleichzeitig noch Fachwissen präsentieren.

Die Bauchschmerzen ohne körperliche Grundlagen werden auch manchen Eltern bekannt vorkommen.

Das Thema Lerntherapie ist ein ganz unglückliches Thema. Früher war es Aufgabe der Krankenkassen, diese Therapie zu bezahlen. Es ist gelungen, die Abgeordneten des Bundestages zu überzeugen, dieses zu ändern und die Zuständigkeit an das Jugendamt zu geben. Zwei Dinge sind dabei von Nachteil. Zunächst haben Jugendämter eine ganz andere Klientel als Kinder aus normalen Familien, die „nur“ eine Legasthenie haben, und damit einen ganz anderen Blick auf das Problem. Zudem ist je nach Bundesland erst eine ernsthafte Gefährdung des Kindes – wenn es nicht mehr am sozialen Leben teilnehmen kann – erforderlich, um eine Therapie bewilligt zu bekommen. Wir haben Abgeordnete befragt, warum es diese Änderung gab und haben nur Schulterzucken geerntet und das Versprechen, der Sache nachzugehen. Auch hier scheint mal wieder ein Gesetz beschlossen worden zu sein, ohne dass die Abgeordneten den Inhalt und die Konsequenzen richtig kannten.

 

„Man wartet nicht mehr, bis das Kind scheitert“

Diesen Satz muss ich immer wieder lesen, um mir langsam bewusst zu werden, dass all das Leid, das bisher Schüler mit Legasthenie und deren Eltern ertragen mussten, künftigen Legasthenikern erspart bleiben könnte. Die Mediziner in Leipzig können die Legasthenie jetzt mit Computerverfahren verbildlichen und 30 Verbände haben gemeinsam diagnostische Leitlinien entwickelt. Es ist einfach zu schön.

Doch es ist wie bei allen Träumen, es kommt eine Nadel und die Traumseifenblase ist zerplatzt. Diese Nadel ist die niedersächsische Landesschulverwaltung, die noch kürzlich verneint hat, dass die Legasthenie eine genetisch bedingte lebenslange Behinderung sei und damit keine Ansprüche aus dem Behindertenrecht begründet seien. So dürfen Legastheniker in den Oberstufen und in der Abiturprüfung nicht mehr Rechtschreibfehler machen als alle anderen Kinder. Warum allerdings Farbenblinde ab Klasse 11 nicht gezwungen werden Farben zu sehen, diese Erklärung verweigert die Schulverwaltung. Man hat sich in der niedersächsischen Kultusverwaltung schon mehr als zehn Jahre erfolgreich gegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse gewehrt, also dürfte es noch einmal zehn Jahre dauern bis dieses hier von der Basis an die Legasthenie-Erlass-verfassenden-Stellen im Ministerium angekommen ist. Dabei ist das Ministerium von einem hehren Ziel getrieben – eine Benachteiligung anderer der Rechtschreibung lediglich unkundiger Schüler in der Benotung zu verhindern. Diese mantraartig wiederholte Begründung zieht sich durch alle Widerspruchbescheide und auch durch die Urteile unterer Instanzen der Verwaltungsgerichtsbarkeit. Sie wird nur dadurch nicht richtiger. Doch auch die Bewohner der Erdscheibe mussten irgendwann erkennen, dass die Wissenschaftler mit der Kugelform doch Recht hatten.

https://www.welt.de/regionales/bayern/article164198069/Man-wartet-nicht-mehr-bis-das-Kind-scheitert.html

Hirn-Scan deckt Legasthenie bei Kindern auf

Diese Meldung sah ich zuerst in der Ärztezeitung. Wenn das alles stimmt, welch ein Fortschritt. Diese quälenden Zeiten bis zur Diagnose der genetisch bedingten Legasthenie können sich künftig für die Kinder und die Eltern wesentlich verkürzen. Das bedeutet einen großen Gewinn an Lebensqualität für die Familien, die nach einer schweren Grundschulzeit dann schneller zu einem Beweis kommen und für die Kinder mit erblicher Vorbelastung einen besseren Start in die Schulkarriere.

Auch wird es für Lehrer und Schulbehörden nicht mehr so leicht, die Angaben der Eltern immer wieder in Zweifel zu ziehen.

Jetzt müssen diejenigen Schulbehörden, die immer noch die genetische Ursache der Legasthenie in Abrede stellen und demzufolge falsche Therapieansätze verfolgen und glauben, dass bis Klasse zehn sich die Legasthenie auswächst und darum ab Klasse elf eine den anderen Kindern gleichgestellte Rechtschreibbenotung einfordern, langsam sich um neue Strategien bemühen, um die Legastheniker weiterhin von ihren Rechten als Behinderte auszugrenzen.

Neben der Ärztezeitung berichtete auch der Newsdienst News4teachers zu diesem Thema. Selbst dem MDR war es einen Artikel und einen Rundfunkbeitrag wert. Darüber habe ich mich gefreut, auch wenn es für unsere Tochter zu spät kommt.

Artikel in der Ärztezeitung

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/article/934532/forschung-ausgezeichnet-hirn-scan-deckt-legasthenie-kindern.html

Artikel im News4teachers

http://www.news4teachers.de/2017/04/hirn-scan-zeigt-lese-rechtschreibschwaeche-bei-kindern-vor-schulbeginn/

Beitrag beim MDR zum Lesen

http://www.mdr.de/wissen/bildung/hirnscan-legasthenie-102.html

und zum HÖREN

http://www.mdr.de/mediathek/infothek/audio-361968.html